Gottesdienst vom 01.05.2022 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Lars Heynen

Musik: Bruno Sauder

Mesmerdienst: Robert Heusi

Predigt als Text

Thema: Worauf hören wir?

Lesung Johannes 10,11-16.27-30

11Jesus Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. 12Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

27Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; 28und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30Ich und der Vater sind eins.

 

Predigt Johannes 10,11-16.27-30

Liebe Schwestern und Brüder,

vor dem Geheimnis der Auferstehung Jesu kommt unsere Sprache an eine Grenze. Was Ostern geschehen ist, ist höher als alle menschliche Vernunft. Es ist mehr als wir uns vorstellen und denken können und geht über unsere Erfahrungen hinaus. Wir blicken zurück, wenn wir etwas verstehen wollen. Von dem, was wir bisher erfahren und erlebt haben, leiten wir ab, was wir noch nicht kennen.

 

Aber Ostern ist nicht ableitbar von Früherem. Etwas grundstürzend Neues ist da geschehen. Die Auferstehung Jesu ist nicht zu begreifen, weil sie kein Produkt irdischer Ereignisse ist, sondern vom Himmel her kommt. Die Osterevangelien selbst kommen seltsam tastend dem Geheimnis näher, jedes betont eine andere Nuance. Die Evangelisten unterscheiden sich in ihrer Darstellung, weil Zeugen grosser Ereignisse immer subjektive Zeugen sind. Es ist schon auffällig, dass da im Nachhinein offenbar nichts geglättet wurde, und dass die Berichte einander nicht angeglichen wurden.

Vielleicht ist gerade die Unterschiedlichkeit der Evangelien ein Zeichen ihrer Authentizität. Im wesentlichen Punkt allerdings sind sich die Zeugen einig: Jesus lebt – der Tod hat seine letzte Macht verloren.

 

Die Osterbotschaft ist so unaussprechlich, dass schon früh darüber gedichtet und gesungen wurde. Das, was Worte allein nicht aussagen können, spricht so in einer anderen Weise zu uns. Wir erfahren also heute noch einmal mit „unserem“ Bibeltext, was damals geschehen ist und – so weit seine Tragweite - für uns heute gelten soll.

 

Sehen Sie, seit Ostern wird unser Blick, wenn wir auf Jesus schauen, immer auch wieder nach vorne und nach oben gezogen. Wir erinnern nicht nur eine historische Gestalt. Wir sorgen auch nicht dafür, dass durch unser Tun das Werk eines guten Menschen fortgesetzt wird.

 

Wir erwarten, dass der lebendige Christus heute zu uns spricht. Wir vertrauen darauf, dass er unsere Freude und unsere Not mitfühlen kann, dass er mitgeht und uns nicht verlässt, bis zum Schluss. Und selbst dann, wenn unser Leben einmal zu Ende geht, tritt er für uns ein und rettet uns durch den Tod hindurch.

 

Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der gute Hirte setzt sich ein, damit wir leben können und zeigt uns damit, wie weit Gottes Liebe geht.

 

In „unserem“ Bibeltext geht es um unser Leben, um dein und mein Leben. Es geht um deine und meine Zukunft. Es geht um das Leben der Menschen auf dieser Welt, in der Ukraine, im Jemen, im Kongo und wo sonst gerade tödliche Gewalt herrscht.

 

Den Menschen damals war bewusst, dass es um den verheissenen Messias, den Retter geht, wenn so vom Hirten und seiner Herde erzählt wird. Sicher werden sie den Psalm 23 erinnert haben und wir heute denken wohl auch an Jesu Gleichnis vom verlorenen Schaf. Auch hier wird die Weite seiner Liebe deutlich: Keines soll verloren gehen und der gute Hirte sucht, bis alle, die ihm gehören, bei ihm sind.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

so erzählt Jesus vom guten Hirten und verweist auf sich selbst: Ich bin der gute Hirte. Der, auf den ihr gewartet habt, bin ich.

 

Wer dieses Wort hört und darauf vertraut, steht eigentlich schon mit einem Bein in Gottes Welt. Mit dem anderen noch hier in unserer Welt, und doch schon nach vorne und nach oben gezogen durch die österliche Hoffnung, dass die bösen Mächte, das Dunkle und der Tod nicht auf ewig siegen werden.

 

Wie wichtig diese Nachricht ist, wird mir immer bewusst, wenn ich nur die Nachrichten einschalte. Die Meldungen über Menschen, die infolge von Gewalt und Krieg ihr Leben verlieren beherrschen im Moment alle anderen Geschehnisse. Aber wir erfahren auch über die Verkehrstoten, die Menschen, die ihr Leben in den Bergen verlieren oder Opfer von Gewaltdelikten werden. Und auch die grossen und kleinen Katastrophen, die wir erleben, die Sorgen, die Verlusterfahrungen: All das zeigt unsere Bedürftigkeit und unsere Verlorenheit. Wir versuchen zwar, unser eigenes Leben leidlich auf die Reihe zu bringen, spüren aber, wenn wir ehrlich sind, wie wenig wir erreichen von dem, was unsere Aufgabe sein sollte, nämlich, unseren Kindern und Enkelkindern und der ganzen Schöpfung eine Welt zu hinterlassen, die Zukunft hat, wo Frieden und Gerechtigkeit sich ausbreiten.

 

All das hören wir auch, wenn wir Jesu Wort hören: Ich bin der gute Hirte.

 

Jesus setzt seine Rede ja fort und sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“

 

Hören und folgen. Während wir am Anfang der Rede etwas über Jesus, den guten Hirten erfahren, und über das, was er ins Werk setzt, um uns das Leben zu schenken, geht es nun um uns: Jesus ruft uns, und wir sollen hören; er kennt uns, darum sollen wir ihm folgen. Wo wir das tun, stehen wir mit einem Bein schon in Gottes Welt.

 

Die Frage ist: Hören wir Jesu Stimme? Und folgen wir ihm dann auch? Oder welche anderen Stimmen dringen zu uns vor und bestimmen unser Leben?

 

Da gibt es die, die auf eine innere Stimme hören, auf das Gewissen, das sich immer wieder meldet und hilft, Gut und Böse zu unterscheiden. Das Gewissen, so steht in im Internetlexikon Wikipedia, „drängt, aus ethischen bzw. moralischen und intuitiven Gründen, bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen.“

 

Es ist natürlich gut, wenn Menschen auf ihre innere Stimme hören und sich bemühen, das Gute zu tun. Wir wissen ja, wie die Welt leidet unter denen, die gewissenlos handeln und ohne Skrupel ihre Interessen durchsetzen.

 

Aber das Gewissen ist ja nicht ungebunden. Es beruht ja auf dem, was ein Mensch gelernt hat. Und je nachdem, zu welcher Zeit und an welchem Ort und in welchem Umfeld ein Mensch aufwächst, prägen unterschiedliche Werte das Gewissen. In der Mitte des letzten Jahrhunderts galt es bei einer breiten Bevölkerungsschicht der USA als völlig normal, Schwarze als minderwertig anzusehen. Nur kurz davor lernten Schüler in Deutschland, dass es eine überlegene Rasse gibt, der gegenüber andere, niederwertige Rassen mit schädlichem Einfluss vernichtet werden müssen.

 

Es scheint, als eigne sich das Gewissen, zumindest als höchste Instanz, nicht, um darauf im Leben und im Sterben zu vertrauen.

 

Immer wieder begegne ich Menschen, die von sich behaupten, der Stimme der Vernunft und der Wissenschaft zu folgen. „Ich glaube nur, was ich sehe“, ist solch ein Satz. Braucht es dafür überhaupt Glauben? Aber davon abgesehen: Wir leben ständig damit, dass wir mehr glauben als wir sehen. Keiner von uns ist dem Pharao Echnaton begegnet. Keiner kennt Pontius Pilatus persönlich. Wir leben auch Jahrhunderte nach Karl dem Grossen, der uns ja räumlich näher ist als die beiden anderen. Sie gelten als zuverlässig belegte Persönlichkeiten der Geschichte. Aber es ist nicht so. Die historischen Belege für Pilatus sind gering. Und von dem im 8. und 9. Jahrhundert lebenden ersten westeuropäischen Kaiser Karl gibt es so gut wie nichts. Die Historiker schöpfen aus der Quelle eines einzigen Biografen und sehen ansonsten vor allem eine grosse Mythen- und Legendenbildung.

 

Historiker, die sich mit dem Leben von Karl dem Grossen beschäftigen, wären begeistert, wenn sie Quellen und Zeugnisse von solcher Qualität hätten, wie es sie über das Leben von Jesus gibt. Sie sind zeitlich nah an seinem Leben. Sie sind in grosser Anzahl vorhanden. Es gibt ausserbiblische Quellen, die von Jesus und den ersten Christen und ihrem Glauben erzählen.

 

Und trotzdem meinen viele, die sich für vernünftig halten, das Leben Jesu sei historisch nicht zuverlässig belegt und der Glaube stehe auf unsicherem Boden. Das Verrückte ist, dass wir in alldem oft aber nicht einmal wirklich glauben, was wir sehen oder was wissenschaftlich erwiesen ist, sondern eher das, was der Zeitgeist uns sagt. Wir glauben, was wir wollen und wiegen uns dabei in einer falschen Sicherheit, die uns festhält bei dem, was uns das Leben fraglich macht.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

es geht beim Glauben beileibe nicht um die Ausschaltung der Vernunft, im Gegenteil. Aber es geht darum, wahrzuhaben, dass unsere Vernunft begrenzt ist und auch die Wissenschaft nicht alles erklären kann. Wer das erkannt hat, kann dann vielleicht dem Naturwissenschaftler zustimmen, der bei einem interdisziplinären Kongress vor einigen Jahren äusserte: „Wir beobachten im Moment um die 11.000 Asteroiden, die für einen Zusammenstoss mit der Erde in Frage kommen. Einige der gefährlichsten Krankheitserreger sind wenige Mutationsstufen davon entfernt, der Menschheit als neue Krankheit gefährlich zu werden – vorbei an Impfungen und bestehenden Arzneimitteln. Wir leben wesentlich mehr aus Gottes Güte, als wir uns das eingestehen.“

 

Sehen Sie, die Frage ist: Auf wen wollen wir hören und wem wollen wir folgen?

 

Irgendwann in unserem Leben werden wir wohl an der Antwort auf diese Frage nicht mehr vorbei kommen. Aber schon heute können wir Gottes Stimme in den Stimmen dieser Welt hören, wenn wir auf sie achten.

 

Ich glaube, wer hierher in einen Gottesdienst kommt, hat eine gute Chance, die Stimme Gottes zu hören. Sei es durch die Lesungen, die Lieder, die Gebete oder vielleicht sogar die Predigt. Wir werden daran erinnert, dass es im Grunde der vornehmste und schönste Auftrag von allen, die zu ihm gehören, ist, vom guten Hirten zu erzählen, der den Seinen das Leben schenkt.

 

Wer in der Bibel liest, und das kann man ja auch werktags, hat eine gute Aussicht, Gottes Stimme zu hören. Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass mir der Austausch mit anderen Christinnen und Christen oft wichtige Impulse gegeben hat.

 

Jesus ruft den einzelnen Menschen, aber er ruft in die Gemeinschaft. Auch in seiner Rede von guten Hirten geht es um die Herde. Christsein kann man in Notzeiten allein, aber im Normalfall lebt der Glaube in und von der Gemeinde in ihrer bunten Vielfalt, die etwas von der Vielfalt der Güte Gottes widerspiegelt.

 

Auf vielfältige Weise ruft uns der lebendige Christus schon heute in Stück in seine Welt. Es ist ein Glück, seine Stimme wirklich zu kennen und sie in den Wechselfällen des Lebens zu hören. Bei ihm sind Worte ewigen Lebens. Da gibt es also etwas, das über unsere Welt, über unsere Erfahrung und über unser Wissen hinausgeht.

 

Er zieht uns nach vorne, nach oben, ins Leben.

Möge er uns Ohren schenken, das zu hören.

Amen.

 

 

Downloads
Kollekte

Theologisch diakonisches Seminar Aarau

Das TDS Aarau (theologisch diakonisches Seminar) bietet als Höhere Fachschule Kirche und Soziales Ausbildungen für eine professionelle Berufstätigkeit. Das Diplom in Sozialdiakonie wird von Landes- und Freikirchen anerkannt, der Berufstitel „Gemeindeanimator/-in HF“ ist staatlich geschützt. Das TDS Aarau orientiert sich am christlichen Glaubensverständnis, richtet seine Theologie an der Bibel aus und weiss sich den Bekenntnissen der Alten Kirche und der Reformation verpflichtet. TDS-Absolventinnen und -Absolventen engagieren sich mit Hand und Herz für die Ausbreitung des Evangeliums. Als Kirchgemeinde ist es uns wichtig, dass kirchliche Mitarbeitende ihren Beruf auf der Grundlage des Evangeliums ausüben und so ArbeiterInnen im Weinberg Gottes sind.

Zurück