Gottesdienst vom 05.12.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Daniel Engeli

Mesmerdienst: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Und Johannes hüpfte vor Freude. Über die Vorfreude.

Predigttext: Lk 1, 39-45

Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

 

Predigt

Liebe Gemeinde

«Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe». Das sagt Elisabeth zu Maria, als sich die beiden Frauen treffen, beide schwanger, Elisabeth mit Johannes und Maria mit Jesus. Ich finde das eine schöne Vorstellung: ein Kind, das vor Freude im Bauch beginnt zu hüpfen! Vor Freude hüpfen – da habe ich mich gefragt, wann ich es das letzte Mal gemacht habe. Vielleicht erinnern Sie sich daran? Und erinnern Sie sich noch, was das für ein Gefühl war? War es befreiend? Oder haben Sie sich etwas komisch gefühlt, vielleicht auch gedacht, das sei jetzt doch etwas unangebracht, vor Freude so aus sich herauszukommen und zu hüpfen?

Interessanterweise gibt es gerade auch im Christentum Strömungen, die dem Ausdruck – und insbesondere dem körperlichen Ausdruck -  von Gefühlen gegenüber eher zurückhaltend ist. Im Glaube, da geht es doch um eine ernste Sache, wird manchmal gesagt, da lacht man nicht darüber. Und hüpfen oder tanzen, das gehört sich schon gar nicht. Aber wenn man in der Bibel liest, gibt es da ganz andere Texte, die voller Ausdruck, Leidenschaft und Gefühlen sind – schönen wie schwierigen:

David, der vor Entzücken tanzt und sich die Kleider vom Leib reisst. Menschen, die sich vor lauter Trauer auf den Boden werfen. Oder eben Johannes, der bereits im Bauch seiner Mutter hüpft, vor Freude über die Geburt von Jesus, die Ankunft des verheissenen Messias.  

Freude kann auch etwas wunderbares sein: Sie kann Farbe, Kreativität, Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Lachen in den Alltag bringen. Und dann gibt es natürlich noch die Vorfreude, die Freude auf das, was kommt, auf das, was man hofft und erwartet – auch die Adventszeit ist eine Zeit der Vorfreude: Man freut sich auf die Ankunft Gottes in der Welt.

Und es ist genaugenommen auch die Vorfreude, die Johannes ergreift. Vielleicht können Sie nachvollziehen, wie sich das für Johannes angefühlt haben wird, wenn Sie zurückdenken, besonders an die Zeit der Kindheit: Sie erinnern sich vielleicht noch, wie das war als Kind, als sie kaum erwarten konnten, dass endlich Weihnachten ist. Oder der Geburtstag. Oder Ferienbeginn. Die Zeit schien vielleicht nicht vorüber gehen zu wollen, man zählte die Tage und konnte es kaum abwarten, bis es endlich soweit ist: Wie viel Mal muss ich noch schlafen? Wie viel Mal noch zur Schule gehen? Wissen Sie noch, wie das war?

Ach ja, die Vorfreude, das mag vielleicht der eine oder andere denken. In der Kindheit, da hat man sie noch. Da hat man noch Träume. Aber ist das nicht etwas naiv, mit der Vorfreude? Dieses Bild vom hüpfenden Johannes im Bauch von Elisabeth, das ist ja nur eine Legende – was soll ich denn damit anfangen? Leben wir nicht in einer Welt, in der wir merken, dass sich so manche Vorfreude als Luftschlosserwiesen hat? Und eine Vorfreude, die sich in Luft auflöst, die tut weh. Das kann eine tiefe Enttäuschung auslösen. Das Gefühl, meilenweit zurückgeworfen zu werden. Ein Schmerz, eine Trauer über das, was nicht sein durfte. Warum soll ich mich denn überhaupt noch Vor-Freuen? Kann ich mir nicht eine Enttäuschung und den Schmerz ersparen, wenn ich schon gar nicht anfange, mich zu freuen?

Ja, Vorfreude kann auch herausfordernd sein. Da ist zum Beispiel ein Mann, der aus Angst und seiner Erfahrung, dass die Freude ihm sowieso wieder weggenommen wird, seine Freude gar nicht mehr zulässt. Es gibt auch Menschen, die bleiben lieber in ihren schweren Gefühlen, die getrauen sich gar nicht zu hoffen, dass es auch anders sein könnte. Das Schwere, das kennen sie wenigstens. Das ist ihnen vertraut. Aber eine Vorfreude und damit die Vorstellung, dass sich im Leben auch etwas ändern könnte, können sie nicht zulassen.

Und so erlaubt man es sich vielleicht schon gar nicht, glücklich zu sein und geht lieber davon aus, dass die Freude sowieso nicht eintritt. Dadurch aber wird das Leben eintönig, voraussehbar, scheinbar kontrollierbar. Man kann oder will sich nicht überraschen lassen, dass es auch Unverfügbares, Absichtsloses, Zufallendes gibt.

Die Freude zu wagen – und insbesondere die Vorfreude – braucht so auch Mut. Es sind nicht nur die „herausfordernden“ Gefühle wie Angst, Schuld oder Scham, die Mut brauchen, um sie zu spüren und anzuerkennen. Sondern es kann auch die Freude sein. Denn es ist so, dass es anders herauskommen könnte, als man sich das vorstellt. Was hätte, so könnte man sich fragen, der kleine Johannes im Bauch der Elisabeth wohl dazu gesagt, wenn er nicht nur gewusst hätte, dass mit Jesus der erwartete Messias kommt – sondern dass dieser Messias auch am Kreuz sterben wird? Wäre er dann immer noch gehüpft?

Es gehört aber zum tiefsten Kern des Christentums, dass sich die Freude lohnt – trotz dem Schweren. Denn das ist ja gerade die Botschaft von Christus: Ja, es gibt schwieriges, es gibt dunkles – das Christentum blendet die Schattenseiten des Leben ja eben nicht aus. Aber trotzdem darf man sich freuen, weil die Liebe Gottes bei uns bleibt. Was immer auch kommt, wie immer etwas herauskommt – Gott bleibt auch im Schweren und Sperrigen gegenwärtig. Diese Glaubens- und Hoffnungsfähigkeit ist die Kraft, die helfen kann, sich nicht nur dem Leben zu stellen, sondern auch Freude zuzulassen und zu empfinden. Ohne sich von der Angst einreden zu lassen, dass sie nicht eintreten könnte.

Dass Freude auch in schwierigen Zeiten möglich ist, hat mir einmal eine ältere Frau beigebracht: Die Frau war über 90 Jahre alt und vieles in ihrem Alltag war beschwerlich geworden. Darum sagte Sie auch eines Tages zu mir „Wissen Sie, alt werden ist nicht lustig. Aber wenn man etwas zu lachen hat, dann muss man es packen.“ Diese Frau hatte die Fähigkeit, die Freude zu packen. Damit zu rechnen, dass es auch in einem beschwerlichen Alltag Augenblicke der Leichtigkeit und der Freude gibt.

Und damit komme ich zurück auf den Advent: Denn auch in der Adventszeit erwarten wir noch etwas: Die Geburt Gottes in dieser Welt. Diese Erwartung kann helfen, nicht abzustumpfen, zynisch oder gefühllos, gleichgültig gegenüber den eigenen Bedürfnissen zu werden. Advent ist aber nicht nur die Geburt Gttes. Sondern sie kann auch in uns eine Art „Neugeburt“ auslösen.

Hannah Arendt, eine jüdische Philosophin, hat im Zusammenhang mit der Geburt nämlich einen interessanten Gedanken eingebracht: Eine Geburt ist immer auch ein Neuanfang. Jeder Mensch, so schreibt Arendt, ist darum aufgrund seines Geborenseins ein Anfang und ein Neuankömmling in dieser Welt. Aber durch seine Geburt bringt er auch eine Bewegung in die Welt: Jeder Mensch kann sich später, als Erwachsener, durch Reden, Handeln, Lieben und Gestalten in diese Welt einbringen und eine eigene Spur auf dieser Erde hinterlassen.

Nach Hannah Arendt ist dieser Moment, in welchem sich der Mensch einbringt in der Welt, zentral: Sie spricht von einer zweiten Geburt, wenn der Mensch realisiert, dass er sich nicht nur mit sich selber, sondern auch mit dieser Welt auseinandersetzen, durch sein Denken und Wirken diese Welt mit verändern kann – und soll.

Überträgt man diesen Gedanken auf die Geburt von Christus, auf die Gottesgeburt in dieser Welt, so kann man sagen: Gott hat mit seiner Geburt einen neuen Anfang mit den Menschen gemacht. Und das schenkt Mut und Lebenskraft, Hoffnung und Freude, die auch in herausfordernden Zeiten nicht gleicht verglimmt.

Ja, in dieser Welt ist nicht alles gut. Es gibt Sperriges, Trauriges, Unverständliches. Aber wir können immer wieder einen neuen Anfang machen. Weil auch Gott mit uns einen Neuanfang macht. Wir müssen nicht in lebensfeindlichen Strukturen bleiben. Weil Jesus Christus sich gerade gegen diese Strukturen gestellt hat. Wir können aufbrechen, Altes liegenlassen, Neues wagen – Freude empfinden in der Hoffnung, dass etwas neues beginnen darf.

Die Zusage Gottes, dass er mit uns unterwegs ist, kann die Kraft geben, den Schritt ins Unbekannte zu wagen. Freude, Vorfreude zu zulassen – auch im Wissen, dass die Gefahr besteht, dass sie nicht eintritt. Auch Johannes hat es gewagt, im Bauch seiner Mutter zu hüpfen. Jesus wurde tatsächlich geboren. Das Leben von Jesus aber hat sich anders entwickelt, als es Johannes vermutlich gedacht hat. Der Messias, der Sohn Gottes, ist am Kreuz gestorben. Die Vorfreude kann, so scheint es, manchmal vergebens sein.

Aber Gott verlässt den Menschen auch nicht in der Enttäuschung. Er kann helfen, diese Gefühle auszuhalten. Anzunehmen, was ist. Und damit zu rechnen, dass auch im Dunkeln etwas neues entstehen kann.

Und letztlich war es auch erst die Auferstehung, die gezeigt hat, dass Jesus tatsächlich der ist, als den ihn Johannes erwartet hat: Als den Messias, der mit den Menschen im Hellen und Dunklen unterwegs ist. Der sie stärkt und erahnen lässt, dass das ganze Leben in dem Gott aufgehoben ist, der die Menschen liebt und sie nicht aufgibt.

Wenn das kein Grund zur Freude ist – da hatte Johannes recht, im Bauch seiner Mutter zu hüpfen!

Amen.

 

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