Gottesdienst vom 14.08.2021 in Salmsach

von

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Martina Brendler

Musik: Bruno Sauder

Mesmer: Edith Lengacher

Predigt als Text

Thema: Gott ist barmherzig

Predigttext: Jona 4, 1-11

6 Da ließ Gott, der Herr, eine Rizinusstaude über Jona emporwachsen, die sollte ihm Schatten geben und seinen Ärger vertreiben. Jona freute sich riesig über diese wunderbare Staude. 7 Aber früh am nächsten Morgen schickte Gott einen Wurm. Der nagte den Rizinus an, sodass er verdorrte. 8 Als dann die Sonne aufging, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen. Die Sonne brannte Jona auf den Kopf und ihm wurde ganz elend. Er wünschte sich den Tod und sagte: »Sterben will ich, das ist besser als weiterleben!« 9 Aber Gott fragte ihn: »Hast du ein Recht dazu, wegen dieser Pflanze so zornig zu sein?« »Doch«, sagte Jona, »mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!« 10 Da sagte der Herr: »Schau her, du hast diese Staude nicht großgezogen, du hast sie nicht gehegt und gepflegt; sie ist in der einen Nacht gewachsen und in der andern abgestorben. Trotzdem tut sie dir leid. 11 Und mir sollte nicht diese große Stadt Ninive leidtun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die rechts und links nicht unterscheiden können,[3] und dazu noch das viele Vieh?«

 

Liebe Gemeinde,

ein Wurm und ein Strauch und ein beleidigter Prophet, was soll das? Eigentlich geht es um Leben und Tod, und dann kommt Gott und lässt einen Strauch wachsen, der dem Jona Schatten spendet und am nächsten Tag verdorrt, weil ein Wurm an seiner Wurzel nagt. Macht sich Gott da etwas über uns lustig?

 

Warum ist mir das überhaupt aufgefallen, diese Sache mit dem Strauch und dem Wurm?

 

Die Idee, sich um Pflanzen und Tiere in der Bibel zu beschäftigen, kam nicht von mir. Sie ist in der Bibelgruppe entstanden, wo wir uns alle zwei Wochen treffen und dem Bibelstudium widmen.

Wenn man da einige Jahre unterwegs ist, dann kann man schon einiges lesen.

Das Markusevangelium war Thema, das Johannesevangelium, die Johannesbriefe die Offenbarung des Johannes, der Römerbrief, die Josefsgeschichte, das Buch Ruth, das Buch Ester,

Einiges haben wir schon unter die Lupe genommen.

 

Und so kam die Idee auf, sich die Tiere und Pflanzen der Bibel anzuschauen – ein Gebiet, auf dem ich vieles neues lernen kann. Das ist also im Moment die Brille, die ich aufsetze, wenn ich einen biblischen Text lese: Sagt der etwas über Tiere? Kommt da eine Blume vor?

 

Auch deshalb ist mir dieser Rizinus Strauch und der Wurm in der Geschichte vom Jona aufgefallen.

Die Geschichte des Jona an sich ist kurz, und hat zwei parallele Erzählstränge und sie endet mit einer Frage.

2 x erteilt Gott dem Jona (das Wort bedeutet übrigens Taube) den Auftrag, in die Stadt Ninive zu gehen und sie zu warnen und zu ermahnen. Offensichtlich haben die Menschen in der Stadt Ninive sich nicht gut benommen. Was genau falsch war wird nicht gesagt, aber es gefällt Gott nicht.

Deshalb soll Jona sie zur Umkehr bewegen.

Aber er will das nicht. Und macht sich aus dem Staub. Er geht genau in die andere Richtung, macht genau das Gegenteil von dem was von ihm erwartet wird. Er besteigt ein Schiff, im Hafen von Jaffa, das nach Westen führt, nach Südspanien, wenn Ninive im Osten liegt, dann geht Jona nach Westen.

Aber er kommt nicht weit. Das Schiff gerät in einen Sturm, um diesen Sturm zu besänftigen, bringt die Schiffsbesatzung ein Menschenopfer, sie werfen den armen Jona über Bord. Sie denken, er habe seinen Gott erzürnt, - was ja auch irgendwie stimmt – und kaum wird Jona in die Wellen getaucht, hört der Sturm auf.

Und dann holt Gott ihn zurück – mittels eines Fisches, der den Jona lebendig verschluckt und dann wieder ausspuckt. Und mitten im Bauch des Fisches betet Jona einen Psalm, den wir gerade in der Lesung von Hansjürg gehört haben. Und dann spuckt der grosse Fisch den Jona an Land.

Allein bis dahin ist die Erzählung spannend und wirft viele Fragen auf. Ist Gott ein Gott, der Menschenopfer braucht, um versöhnt zu werden – Die Matrosen haben ja Erfolg damit, dass sie Jona ins Meer Werfen. War das eine Strafe für Jona? Passiert sowas also mit Menschen, die sich Gottes Willen widersetzen? Wie wird es dann erst mit denen in der Stadt Ninive ausgehen?

Und ist Gott nicht inkonsequent, wenn er für Jona einen Rettungsfisch schickt? Und warum muss der Fisch Jona verschlucken? Eigentlich müsste es doch ein Delfin sein, der den fast ertrunkenen auf seinem Rücken ans trockne Land trägt.

 

Schon als Kind, als ich diese Geschichte in der Sonntagsschule gehört habe, konnte ich nicht glauben, dass es so grosse Fische gibt, dass ein Mensch in deren Inneren überleben könnte. Und dass man dafür auch noch dankbar sein soll, wenn ein Fisch einen verschlingt, das hat mir noch weniger eingeleuchtet.        Ich war immer erleichtert, wenn es hiess: und der Herr sagte dem Fisch, dass er Jona ans Land spuckte. Das Jona auch noch im Bauch des Fisches anfängt, einen Psalm zu beten, war mir unheimlich.

Heute habe ich mehr Erklärungsmöglichkeiten. Ich weiss, dass es Situationen im Leben gibt, in denen es sich so anfühlt, als würden die Probleme einen verschlingen. Ich weiss auch, dass sich Menschen, die an Depressionen leiden, so fühlen, als seien sie komplett im Dunkeln. Eingeschlossen und von der Welt abgeschnitten und gelähmt. Ich weiss auch, dass singen in der Dunkelheit hilft gegen die Angst, allein zu sein. Und ich weiss, dass wir Menschen nicht immer die Kraft dazuhaben. Dass es manchmal so dunkel werden kann, dass auch gut gemeinte Worte von anderen nicht durchdringen. Und dass es dann wirklich Gott sein muss, der ein Wunder wirkt, damit die Dunkelheit und die Angst aufhört und der Fisch einen loslässt. Irgendwann wird man wieder an Land gespuckt.

 

So ist es auch bei Jona – und dann geht die Geschichte ein zweites Mal los: Wieder bekommt er den Auftrag, nach Ninive zu reisen und dieses Mal tut er brav, was von ihm erwartet wird. In Ninive fallen seine Worte sofort auf fruchtbaren Boden, jede Gesellschaftsschicht bis hin zum Königshaus tut Busse und siehe da, auch Gott ist damit zufrieden und Ninive darf leben.

„Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht.“

Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein. Das ist doch das happy end, das wir erwartet haben. Und die Moral von der Geschichte, wenn du Busse tust, dann wird wieder alles gut. Wenn das so wäre, dann hätte ja die römisch-katholische Beichtpraxis recht: ich mache etwas Dummes, bis ich erwischt werde, dann gehe ich beichten und bete drei Ave Maria und alles ist gut, dann ist Gott wieder lieb.

Ein bisschen kann ich Jona verstehen, dass der jetzt mit Gott beleidigt ist. Gott ist ja richtig inkonsequent, barmherzig und gnädig bis zum geht nicht mehr.

Wenn Jona die Stadt wieder verlässt, werden die Leute garantiert wieder anfangen zu sündigen. Hat Jona nicht recht? Wie glaubhaft ist das denn, wenn Gott erst droht und dann sagt, ok, ich machs doch nicht. Es reute ihn – nein, konsequent ist das nicht. Aber barmherzig. Und nur dadurch können Menschen leben. Und darum geht es – und zwar hier explizit auch für solche, die es eigentlich gar nicht verdient hätten. Denn Unschuldslämmer waren die Leute von Ninive sicher nicht. Die Stadt und ihre Bewohner stehen beispielhaft für Menschen, die nicht nach Gott fragen, denen es eigentlich völlig egal ist, ob es einen Gott gibt und wenn ja welchen. Die Leute von Ninive sind das Gegenteil von denen, die z.B. im Psalm 1 erwähnt werden: Wohl dem, der nicht wandelt auf dem Weg der Gottlosen, noch sitzt, wo die Spötter sitzen, …

der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zur rechten Zeit.

So waren die Menschen in Jerusalem, so haben sie sich gesehen, und die in Ninive, die waren das komplette Gegenteil. Und von solchen Menschen sagt der Psalm weiter: sie sind wie Spreu, die im Wind verweht.

Genau das dachte auch Jona, der Hebräer, und deshalb war er jetzt so sauer, weil Gott die Ninive Menschen nach einer kurzen Busse verschont hat. Deshalb sucht er wieder Abstand zu Gott, und wieder ist er in einem seelischen Tief, er will sterben, so nimmt er sich die Sache zu Herzen. Und wieder läuft er weg, aber dieses Mal bleibt er in Sichtweite – vielleicht passiert ja doch noch was.

Und wieder bedient sich Gott eines Tieres und dieses Mal auch einer Pflanze, um Jona zu erklären, was Sache ist. Gott ist da sehr phantasievoll und, wie ich finde, auch sehr humorvoll, geradezu witzig. Ein Rizinus Strauch wächst dem Jona über den Kopf und schützt ihn vor der prallen Sonne. Rizinussträucher werden auch heute noch bis zu vier Meter hoch und haben breite Blätter. Und sie wachsen in der Tat schnell. Und sie verdorren auch ebenso schnell, wenn ein Wurm an ihnen nagt. Auch das wurmt Jona gewaltig. Eben sass er im Schatten und nun ist er einem heissen Wind ausgesetzt. Gott hat die Pflanze wachsen lassen und den Wurm geschickt, um dem Jona etwas zu zeigen: Du bist nicht der, der immer recht hat. Sondern ich bin der, der gnädig ist: „Sollte es mich nicht reuen um die vielen Menschen, und dazu die Tiere?“

Hier endet unsere Geschichte nun endgültig, jedenfalls im Buch Jona. Wir können uns vorstellen, dass ein sprachloser Prophet in der Sonne sitzt und buchstäblich vor Wut kocht. Und das Gott im Himmel vielleicht leise lacht. Weil er doch nicht nur der strenge Weltenrichter ist, sondern einer der uns Menschen humorvoll auf den rechten Weg bringt. Gott macht sich so viel Mühe um Jona, das ist doch einfallsreich und witzig wird dem sturen Propheten klargemacht, dass alle Menschen, grade auch die wir weit weg von Gott glauben, Gott am Herzen liegen.

Dass Gott barmherzig und gnädig ist, das vergessen wir Menschen oft, wenn wir meinen, Recht zu haben. Wenn wir nicht mehr mit Gottes Wirken rechnen, sondern unsere Wege zum Maßstab setzen. Wenn wir nicht mehr damit rechnen, dass Gott auch Humor hat, um uns wieder zurecht zurückkann, ums uns zu zeigen, dass es auch ganz andere Wege gibt. Gott tut sehr viel, um uns zu zeigen, dass wir rechtgläubigen oft nur kurzsichtig sind, wenn wir meinen, Recht zu haben. Er tut sehr viel, um uns zu beweisen, dass seine Gnade so weit ist, wie der Himmel reicht. Manchmal wünschen wir uns, dass Gott die anderen jetzt Mal endlich zur Rechenschaft ziehen würde und uns selbst belohnen. Und die anderen sind wahlweise Klimawandel - Gegner oder Banker oder Umweltsünder oder Kapitalisten, aber natürlich nicht wir. Und immer, wenn wir uns ereifern und Gott anflehen, er möge doch bitte endlich, endlich das tun, was wir wollen, dann kommt Gott auf uns zu uns lächelt ein bisschen und sagt: schau, du kleiner Mensch, ich habe die Welt geschaffen mit dir und den Kapitalisten und allen anderen, die dich ärgern und allen Tieren und Pflanzen, also trau mir doch bitte zu, dass ich auch barmherzig mit allen sein darf.

Die Geschichte von Jona und Gott geht nie zu Ende. Sie geschieht immer wieder. Auch Jesus hat auf Jona Bezug genommen, innerhalb der jüdischen Auslegung gibt es zahlreiche Kommentare zu Jona. Und natürlich denken wir bei den drei Tagen, die Jona im Bauch des grossen Fisches verbracht hat, an Jesu Tod und Auferweckung. Auch bei uns geschieht es immer wieder, dass Gott uns retten muss, sei es aus der Dunkelheit einer Depression oder aus unserer Selbstgerechten Besserwisserei. Gott ist barmherzig, er hat Humor und er ist souverän – gerade, wenn er Menschen NICHT bestraft. Das ist auch kein Zeichen von Schwäche, sondern das ist Gnade.

Vielleicht ist Jona am Ende doch nicht wütend gewesen, sondern hat sich mit den Menschen in Ninive gefreut, dass sie umgekehrt sind und sich gebessert haben. Vielleicht hat er ein bisschen eingesehen, dass Gott recht hatte. Und vielleicht hat er ja dann eine Plantage mit Rizinus Sträuchern aufgezogen und mit dem Verkauf von Rizinusöl viel Geld gemacht und eine Synagoge gebaut, auf deren Tür geschrieben steht: Gott ist Barmherzig.

Vielleicht gibt es ja auch bei uns ab und zu einen Rizinus-Strauch und einen Wurm in unserem Leben, der uns auf humorvolle Art daran erinnert, dass Gott barmherzig ist.

 

Pfarrerin Martina Brendler

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Lemuel Haiti

Haïti bedeckt zwei Drittel der Fläche der Schweiz. Die ehemalige französische Sklavenkolonie ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, was nicht zuletzt auf eine jahrhundertealte Geschichte der Unterdrückung und politischen Unsicherheit zurückzuführen ist. Die Hälfte der über zehn Millionen Einwohner und Einwohnerinnen lebt unterhalb der Armutsgrenze von einem Dollar am Tag. Arbeitslosigkeit, Rechtsunsicherheit, Misswirtschaft, politische Missstände, Abwanderung der Bildungsschicht (Brain Drain) und eine Zukunft ohne Hoffnung prägen den Alltag. Hier greift LEMUEL SWISS ein und schafft den Menschen Perspektiven für ein Leben in Würde.

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