Gottesdienst vom 27.06.2021 in Romanshorn

von

Audio Predigt

Info und Kontakte

Gottesdienstleitung: Meret Engel

Musik: Daniel Engeli

Mesmer: David Züllig

Ablauf und Predigt als Text

Meinem Gott gehört die Welt

Predigttext: Philipper, 7, 7-13

Aber alles, was mir Gewinn war, habe ich dann um Christi willen als Verlust betrachtet. Ja, in der Tat, ich halte das alles für wertlos im Vergleich mit der überragenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde, und ich betrachte es als Dreck, wenn ich nur Christus gewinne und in ihm meine Heimat finde. Ich habe nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern jene Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus, die aus Gott kommt aufgrund des Glaubens. Ihn will ich kennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Teilhabe an seinen Leiden, wenn ich gleichgestaltet werde seinem Tod, in der Hoffnung, zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.

Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollkommen wäre! Ich jage ihm aber nach, und vielleicht ergreife ich es, da auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Liebe Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich selbst es ergriffen hätte, eins aber tue ich: Was zurückliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt.

 

Predigt

Liebe Gemeinde

Meine Nichte liebt Mani Matter-Lieder und so habe ich das gesamte Repertoire von ihm neu kennengelernt. Ein Lied hat mich dabei besonders angesprochen: Bim Coiffeur. Mani Matter sieht, wie er sich in den verschiedenen Spiegeln des Salons x-fach spiegelt, bis er schliesslich 100 Köpfe von sich selber sieht, von hinten und von vorne. Ihn packt das «metaphysische Gruseln», weil er sich in der Unendlichkeit des Korridors verliert und sieht, wie sein Spiegelbild im Fluchtpunkt verschwindet. So verlässt er schlagartig das Geschäft. Und vielleicht versteht ihr darum, singt er am Schluss, dass ich Hemmungen haben, mehr zum Coiffeur zu gehen.

 

Dieses Lied ist mir in den Sinn gekommen, als ich den Text von Paulus gelesen habe. Das ist vielleicht ein etwas gewagter Vergleich. Aber bei beiden wird die gewohnte, vertraute Welt in Frage gestellt: Mani Matter verliert sich mitten im Alltag in der Unendlichkeit, was dazu führt, dass er kaum mehr zum Coiffeur geht. Das ist natürlich humorvoll dargestellt. Aber jeder, der schon einmal eine grössere Lebenskrise durchlebt hat, wird dieses Gefühl kennen, dass das, was Halt gegeben hat, in sich zusammenfallen kann und man das Gefühl hat, sich in der Weite der Welt zu verlieren. Und Paulus beschreibt, wie er auf einmal all das, was er bis anhin als Gewinn betrachtet hat, als Verlust angesehen hat. Sein ganzes Wertesystem wird in Frage gestellt.

 

Mani Matter und Paulus beschreiben so, dass die Wirklichkeit, wie wir sie sehen, nicht immer die einzig richtige und wahre ist. Man sieht bestimmte Dinge, Gegebenheiten, den Lauf der Zeit vielleicht als etwas festes, sicheres an. Aber manchmal, da mag man erahnen, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Paulus versucht diese Sichtweise den Menschen aus Philippi übermitteln und möchte sie dazu anregen, ihr Leben nicht an dem Gewohnten auszurichten, sondern an Christus. Und so möchte ich Sie einladen, diesem Erlebnis von Paulus und was es mit ihm gemacht hat, nachzugehen.

 

Die Welt von Paulus, oder Saulus, wie er früher geheissen hat, ist also ziemlich aus den Fugen geraten. Warum das so ist, beschreibt er im Brief an die Philipper: Saulus ist als Jude in der jüdischen Gemeinschaft erzogen worden. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, streng nach dem Gesetz zu leben. Er war, wie er schreibt, «einer ohne Fehl und Tadel». Aber eines Tages ereignet sich etwas, das sein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte: Auf dem Weg nach Damaskus begegnet ihm der auferstandene Christus (Apg 9). Es muss ein seltsames Erlebnis gewesen sein, denn die anderen Menschen, die mit ihm unterwegs waren, sehen den Auferstandenen nicht. Nur Paulus, wie er sich fortan nennen wird, hat diese Vision und Begegnung. Für ihn ist es absolut real – seine Begleiter merken nur, dass mit Saulus irgendetwas passiert ist – er ist schlicht nicht mehr derselbe.

 

Aus dieser Erfahrung schöpft Paulus, als er den Brief an die Philipper schreibt. Er hat etwas erlebt, das andere vielleicht auch erfahren haben oder erfahren möchten: dass das Leben auch in einem anderen Licht gesehen werden kann.  Paulus erkennt, dass nicht seine Leistung zählt, nicht, ob er «richtig» nach dem Gesetz lebt -  sondern dass allein sein Glaube an den auferstandenen Christus wichtig ist. Sein Leben, wie er es bis anhin gelebt war, erscheint ihm darum nur noch als Dreck. «Alles, was mir Gewinn war, habe ich als Verlust betrachtet».

 

Paulus kann so dazu anregen, über unsere Welt nachzudenken: Gibt es auch in unserem Leben ein Gewinn, der eigentlich – um es mit den harten Worten von Paulus auszudrücken – nur Dreck ist? Wo erahnen wir eine tiefere Wirklichkeit, getrauen uns aber nicht, ihr nachzugehen, weil dann vielleicht – wie bei Paulus – eine ganze Welt in sich zusammenfallen kann? Und man kann noch weiter fragen: Was gibt einem denn die Kraft oder die Fähigkeit, diese andere Wirklichkeit zu sehen? Und dann auch noch sein Leben zu ändern?

 

Gehen wir zurück zu Paulus, so ist es die Krise. Denn die Begegnung mit dem auferstandenen Christus ist nicht nur ein freudvolles Erlebnis, sondern eines, das richtig durch Mark und Bein geht: Paulus erblindet 3 Tage lang. Er sieht die Welt nicht mehr, wie er sie bis anhin gesehen hat, sondern muss zuerst neu sehen lernen, eine neue Sichtweise erkennen, bis er sein Augenlicht wieder gewinnt.

 

Eine Krise kann so zu neuen Sichtweisen führen. Sie kann aufzeigen, dass das Leben nicht immer so klar und eindeutig ist, wie man sich das vielleicht zusammengestellt hat, sondern dass es Schattierungen, Grautöne, Abgründe und Überraschungen gibt. Und dass man auch einer Illusion erliegen kann, wie es auch Paulus schreibt, als er auf sein Leben zurückblickt: «Ja, in der Tat, ich halte das alles für wertlos im Vergleich mit der überragenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde».

Aber manchmal versucht man gerade mit allen Mitteln, einer Krise auszuweichen. Das wird vielen nicht fremd sein: Man erahnt oder spürt schon lange, dass sich etwas anbahnt. Dass man etwas ändern sollte oder möchte. Aber man weicht der Sache aus, weil man befürchtet, dass es unangenehm wird, Diskussionen oder sogar Streit bringen wird. Auch Paulus hätte sich entscheiden können, dieses Erlebnis mit dem Auferstandenen zu vergessen und zu verdrängen – und sich weiter anzustrengen, ein möglichst tadelloses Leben zu führen. Aber er hat es nicht getan, sondern er hat sich für ein Leben mit Christus entschieden, auch wenn er dafür – temporär -  blind geworden ist und sein Leben nicht unbedingt einfacher geworden ist: Als christlicher Missionar wurde er des Öfteren beschimpft oder verjagt und nicht bewundert für sein scheinbar tadelloses Leben.

 

Diese Angst vor einer Krise, die Angst, was es dann mit einem macht, kann denn auch dazu führen, dass man lieber im Alten und Gewohnten bleibt, als ein Aufbruch zu wagen. Es gehört zum Wesen einer Krise, dass sie in eine Verunsicherung führt. Aber es gehört auch zum tiefsten Kern des Christentums, dass es den Blick in den Abgrund wagt, die Tiefe, das Unbekannte, das Unerlöste, das Angstvolle und Verdrängte sieht. Paulus hätte keine neue Weltsicht gewonnen, wäre er nicht von der Begegnung mit dem Auferstandenen so erschüttert worden. Christus wäre nicht auferstanden, wäre er nicht gestorben. Auch Gott selber ging hinein in eine Krise. Aber gerade dadurch schöpft der Glaube seine Kraft, nimmt er sein Sehnen und Sterben, sein Verlangen nach Leben und sein unerschütterliches Gottvertrauen, dass eine Krise zu neuem Leben führen kann:

 

Denn wenn ich es wage, mich berühren zu lassen, in den Abgrund zu schauen, mich meinen Schatten zu stellen, verliere ich mich nicht im Nichts – so die Zusage unseres Glaubens. Sondern ich komme zu neuen Horizonten. Es kann sich der Vorhang heben und mir eine neue Weltsicht auf die Welt eröffnen. Der Durchbruch ist gewagt, Unaussprechbares wurde in Worte gefasst, vielleicht längst erahntes und doch verdrängtes kann gewürdigt werden.

 

Und dabei kann das grosse Wunder erfahren werden, das wir auch gesungen haben: «Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt.» Ja, die Welt ist mintunter schrill und schräg, sie kann erschreckend und beängstigend sein. Aber in, unter, über allem ist Gottes Liebe. Der Blick in die Tiefe kann uns aber selber vertiefen und helfen, wesentlich zu werden. Paulus kann einen so ermuntern, einer Krise nicht auszuweichen, sondern sich ihr zu stellen.

 

Das ist ein sehr aktuelles Thema: Denn auch wir stehen in einer Krise. Je nach Sichtweise wird sie anders wahrgenommen: Einige meinen, wir hätten sie überwunden und könnten jetzt wieder zum normalen Leben zurückkehren. Andere meinen, wir steckten noch mitten drin. Und wieder andere sehen die Covid-Krise als erste von vielen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel auf uns zukommen werden.

 

Wie immer man das auch sehen mag, es ist zu hoffen, dass wir anders aus der Krise herauskommen, als wir hineingegangen sind. Denn was mir immer wieder zu Ohren gekommen ist, ist, dass Menschen meinten, die Krise hätte uns auch etwas aufgezeigt: Dass es mit dieser Schnelllebigkeit, mit dem Streben nach Gewinn und Wachstum so nicht weitergehen kann.

 

Für Paulus war die grosse Erkenntnis, dass er sein Leben an Gott ausrichten darf, dass er in ihm eine Heimat findet – und darum vieles, was ihm vorher wichtig war, gar nicht mehr braucht und will. Dieser Gedanke kann dazu anregen, über das Wertesystem des eigenen Lebens – aber auch der Welt nachzudenken: Was ist wirklich ein Gewinn? Und was ist im Grunde nur Dreck? Paulus hat aufgrund einer neuen Gewichtung seiner Werte sein Leben radikal geändert.

 

Die Bibel ermutigt so auch uns, dass ein Wandel möglich ist: Systeme sind nicht in Stein gemeisselt, sondern können auch verändert werden. Die Strukturen sind keine Naturgesetze – sie müssen nicht so bleiben. Veränderungen aber passieren nicht von einem Moment auf den anderen. Wer einen  Wandel will, braucht auch eine Hartnäckigkeit, die Fähigkeit, Gegenwind auszuhalten, manchmal auch eine Frustrationstoleranz, eine Gelassenheit und eine Portion Gottvertrauen. All das ist auch Paulus nicht fremd. So schreibt er auch:  «Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollkommen wäre! Ich jage ihm aber nach, und vielleicht ergreife ich es, da auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Liebe Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich selbst es ergriffen hätte, eins aber tue ich: Was zurückliegt, vergesse ich und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt.»

 

Paulus bricht radikal mit seiner Vergangenheit und entscheidet sich, sein Leben an Christus auszurichten: An seiner Liebe, seiner Vergebung, seiner Einladung, mehr Schätze im Himmel als Schätzen der Erde zu sammeln und an der Auferstehung, die aufzeigt, dass die Werte unserer Welt nicht alles ist. Denn er hat gemerkt, dass er in Christus eine Heimat findet, die ihn trägt und hält – in dieser Welt und sogar über den Tod hinaus.

 

Manchmal kann es passieren, dass Gott auch uns berührt im Herzen. Dass wir etwas davon erahnen, dass vieles in unserer Welt  nur Schein ist und dass die Wirklichkeit auch ganz anders sein könnte. Vielleicht ist es auch, um auf Mani Matter zurückzukommen, bisweilen ein metaphysisches Gruseln, das uns ergreifen kann: Weil wir erkennen, dass unsere Welt nicht so ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. Der Glaube lädt uns ein, dieser Ahnung nachzugehen, vor Angst nicht zurück zu weichen, vielleicht auch alte Überzeugungen loszulassen. Wir dürfen uns ändern. Was zurückliegt, dürfen wir loslassen. Denn auch wir sind eingeladen, uns nach dem zu strecken, was vor uns liegt. Unsere Zukunft mitzugestalten. Und sie nicht einfach als gegen hinzunehmen.

Amen.

 

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HEKS Flüchtlingsdienst

HEKS ist das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz. Mit seinen Projekten im Inland und im Ausland setzt sich HEKS für eine menschlichere, gerechtere Welt und ein Leben in Würde ein. Im Ausland fokussiert HEKS seine Tätigkeit auf die Entwicklung ländlicher Gemeinschaften, die humanitäre Hilfe und die kirchliche Zusammenarbeit. In der Schweiz setzt sich HEKS für die Rechte und die Integration von Flüchtlingen und sozial benachteiligten Menschen ein. Als Evangelische Kirchgemeinde ist es uns ein Anliegen, ein Werk zu unterstützen, das aus den landeskirchlichen Strukturen heraus entstanden ist.

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